Medard Boss
Eine Kritik am Rationalismus der Psychoanalyse stammt von Medard Boss, der eine phänomenologische Betrachtungsweise vertritt.
Seine daseinsanalytische Traumauffassung ist besonders durch ihre harte Kritik an den konventionellen Traumdeutungen der tiefenpsychologischen Schulen von C.G. Jung und S. Freud bekannt geworden.
Von der Daseinsanalyse herkommend lehnt er jede Traum-Interpretation ab, da im Traum die Dinge in ihrem Gehalt sich Ihnen unverstellt enthüllen, also keine Als-ob-Auslegung erlauben.
Der stark von M. Heidegger beeinflusste Freud-Schüler M. Boss lehnt also jede Auffassung, die den Traum als Bezogenheit auf etwas anderes wertet, bereits als Vergewaltigung seiner Eigengesetzlichkeit ab und will der sich im manifesten Traum äussernden Wirklichkeit vorbehaltlos wieder die Würde einer eigenen Weise des menschlichen Daseins zusprechen.
Er geht nicht an den Traum analytisch heran, sondern anerkennt nur träumenderweise existierende Menschen. Das Träumen ist also eine andere Art menschlichen Daseins.
Er sieht im Trauminhalt weder die Reflexion eines (individuellen oder kollektiven) Unbewussten noch eine besondere kompensatorische Funktion.
M. Boss legt Träume als Darstellungen der existentiellen Lebenssituation aus. Er betrachtet den Traum einfach als eine andere Art des In-der-Welt-Seins. Der Träumer bewegt sich in einem Bereich seiner Existenz, in dem er sein Potential des In-der-Welt-Seins in Gestalt wahrnehmbarer Bilder erlebt.
Sein Buch mit dem Titel "Der Traum und seine Auslegung" stellt einen Versuch dar, eine unmittelbare Sicht auf das Traumphänomen durch den Abbau der verdeckenden oder skelettierenden Denkkonstruktion der heutigen Traumtheorien vorzubereiten.
Sein Auslegen der Träume betrachtet deren Phänomene nicht mehr als blosse Sinnbilder, von deren sinnenhaften Bildlichkeit man nach Art des metaphysischen Denkens zu einem übersinnlichen Sinn, von Anschaulichem zu Unanschaulichem zu transzendieren braucht.
Boss` phänomenologisches Auslegen will vielmehr das anschaulich in einem Traum Gegebene in seinem eigenen, vollen Gehalt sehen und sich aneignen.
Nach ihm muss man dem Träumen die Würde einer eigenen Weise des menschlichen Daseins zusprechen, genau so, wie Sie das Wachen eine bestimmte Modifikation Ihres Existierens nennen.
M. Boss findet in den Werken von S. Freud und C.G. Jung ein Übergewicht an Erklärungen und Theorien gegenüber einer konsequenten Auslegung des Erscheinenden. Nach ihm sollten Sie sich durch Ihre Assoziationen nicht vom Traum weglocken lassen. Statt dessen geht es bei jeder Traumauslegung um eine umkreisende Annäherung an das Traumbild, in das Sie sich immer weiter vertiefen.
Gemäss seiner Schule geht es im Traum darum, dass die von Ihnen im Daseinsmodus des Wachens vernachlässigten Seiten nächtlich im Traum zu neuem Leben erweckt werden.
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